Manifesta 16 Ruhr: Emre Abut
- Selin Çiftci

- 7 gün önce
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Die Manifesta 16 Ruhr, die in diesem Jahr unter dem Titel This is not a church stattfindet, wird am 21. Juni eröffnet und widmet sich der vielschichtigen soziokulturellen Struktur der Region sowie ihrem tief verwurzelten Migrationserbe. Der zweite Gast in unserer Interviewreihe mit türkischen Künstlern, die ortsspezifische Werke für die Biennale schaffen, ist Emre Abut
Interview: Selin Çiftci

Emre Abut. Foto: Jérôme Hoffmeister
Wie haben das kuratorische Konzept der Manifesta 16, This is not a church, und die vielschichtige Struktur des Ruhrgebiets die Auswahl oder Entstehung Ihrer Arbeit beeinflusst? Was können Sie über den Dialog mit den Creative Mediators und den Prozess sagen, den Ihr Werk vom ersten Entwurf bis zur Ausstellung durchlaufen hat?
Die Arbeit entstand nicht als direkte Antwort auf das kuratorische Konzept der Manifesta. Das Projekt entwickelte sich bereits aus meiner eigenen, langfristigen Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Nach vielen Jahren in Städten wie Berlin, Istanbul und Wien bedeutete die Rückkehr ins Ruhrgebiet, mich aus einer neuen Perspektive mit meiner eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Diese Rückkehr veranlasste mich dazu, Fragen wieder aufzugreifen, die schon immer präsent waren, aber noch keine künstlerische Form gefunden hatten: Migrationsgeschichten, kollektives Gedächtnis und die Art und Weise, wie migrantische Gemeinschaften kontinuierlich eigene Strukturen der Selbstorganisation und des Empowerments geschaffen haben. Die Idee für diese Arbeit entstand unabhängig, durch einen Prozess der Reflexion und Recherche. Was den Dialog mit Gürsoy Doğtaş als Creative Mediator der Manifesta 16 Ruhr besonders bedeutsam machte, war die unmittelbare Resonanz zwischen meinen laufenden künstlerischen Anliegen und den umfassenderen Fragen, die im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr behandelt werden. Der kuratorische Austausch half dabei, bestimmte Aspekte des Projekts zu schärfen, aber sein konzeptionelles Fundament war bereits in meiner eigenen Biografie und in meiner Auseinandersetzung mit der Sozial- und Kulturgeschichte der Region verwurzelt.
Das Ruhrgebiet ist eines der historischen Zentren der Migrationswellen aus der Türkei. Welche Bedeutung haben die geografische Wahl der Manifesta und das Erbe der „Gastarbeiter“-Geschichte der Region für Ihre künstlerische Praxis oder für die Arbeit, die Sie für diese Ausstellung konzipiert haben?
Die Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter*innen” im Ruhrgebiet ist für mich kein abstrakter historischer Bezug, sondern Teil meiner eigenen gelebten Erfahrung. Meine Arbeit setzt sich mit diesem Erbe über die Erinnerung auseinander, insbesondere durch Erfahrungen aus meiner Jugend in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Statt diese Geschichte dokumentarisch darzustellen, interessiert es mich, die sozialen und kulturellen Räume wieder aufzusuchen, durch die Zugehörigkeit geschaffen wurde. Die Soundinstallation, die ich präsentiere, konzentriert sich auf Musik als einen Raum der Erinnerung und Bestätigung. Black Music, R&B, Hip-Hop und türkischer Pop haben meine Jugend maßgeblich geprägt. Sie waren mehr als nur ästhetische Einflüsse; sie boten Orientierung und ein Gefühl emotionaler Erdung. Sie schufen Umgebungen, in denen verschiedene Migrationserfahrungen koexistieren konnten und in denen Zugehörigkeit etwas Gelebtes war, statt etwas Erklärtes. Für mich ist das Ruhrgebiet ein besonders bedeutsamer Kontext für diese Arbeit, da es zeigt, wie tiefgreifend Migration das soziale und kulturelle Gefüge Deutschlands geprägt hat. Mein Werk nähert sich dieser Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenem an, sondern als einen Zustand, der weiterhin Fragen nach Präsenz, Sichtbarkeit und kollektiver Handlungsfähigkeit stellt.
Gab es während der Vorbereitungsphase bei der Erkundung der Region ein kleines Detail, ein Objekt oder einen zufälligen Moment, der die Richtung oder die Dimension Ihrer Arbeit verändert hat?
Es gab nicht wirklich diesen einen Moment. Das Projekt entwickelte sich schrittweise durch Erinnerungen, Gespräche und die Rückkehr zu Fragmenten persönlicher und kollektiver Archive. Seine Richtung wurde weniger durch eine einzelne, alles entscheidende Entdeckung bestimmt, sondern vielmehr durch den langsamen Prozess der Erkenntnis, wie tiefgreifend diese Erfahrungen bereits mein Verständnis von Zugehörigkeit, Erinnerung und kultureller Produktion geprägt haben. In diesem Sinne baut das Werk nicht auf einem einzelnen Moment der Entdeckung auf, sondern auf einem fortlaufenden Prozess des Zuhörens und Erinnerns.

Emre Abut, Complete Cypher Vol.I, 2026. Fotoğraf: Manifesta 16 Ruhr (Rainer Schlautmann)
Wie etablieren Sie das „stille Wissen“ Ihrer visuellen Sprache – eine Sprache, die funktioniert, ohne auf den „Subtext“ einer bestimmten Geografie angewiesen zu sein? Was sagt Ihnen die erste Verbindung, die ein Betrachter, der mit dem historischen Kontext nicht vertraut ist, allein über Form und Material zu Ihrem Werk aufbaut?
Es ist nicht meine Absicht, eine Arbeit zu schaffen, die nur über einen spezifischen geographischen oder historischen Rahmen zugänglich ist. Klang spielt hier eine zentrale Rolle, da Musik als eine Form der Kommunikation funktioniert, die sprachliche und territoriale Grenzen überschreitet. Sie transportiert affektives Wissen und kann Wiedererkennen oder Intimität auslösen, ohne dass dafür kontextuelles Vorwissen nötig wäre. Gleichzeitig beinhaltet die Arbeit gesprochene Sprache und Archiv-Fragmente, die auf einen bestimmten Ort oder eine Geschichte hindeuten können. Diese Elemente schaffen zusätzliche Ebenen für diejenigen, die sie wiedererkennen, aber sie sind keine Voraussetzungen, um sich auf das Werk einzulassen. Was mich interessiert, ist die Möglichkeit, eine erste Begegnung über die Atmosphäre zu schaffen. Selbst wenn ein*e Betrachter*in mit dem Kontext des Ruhrgebiets oder der deutschen Migrationsgeschichte nicht vertraut ist, kann er oder sie dennoch eine Verbindung zu den emotionalen Strukturen innerhalb des Stücks aufbauen.
Wie definieren Sie Lokalität nicht bloß als Thema, sondern als eine Ebene, die das Gefüge Ihrer Arbeit durchdringt? Welche Elemente lassen Sie bewusst „unübersetzt“, wenn Sie eine regionalspezifische Erzählung für das Publikum übertragen?
Da mein Medium in dieser Arbeit der Klang ist, wird Lokalität nicht auf eine direkte oder illustrative Weise dargestellt. Sie zeigt sich vielmehr durch klangliche Fragmente, die den Nachhall spezifischer, gelebter Umgebungen in sich tragen. Gleichzeitig bin ich nicht daran interessiert, jede regionale oder kulturelle Referenz für das Publikum vollständig zu übersetzen. Einige Dinge bleiben bewusst ungeklärt. Bestimmten sprachlichen Fragmenten, musikalischen Referenzen oder kulturellen Codes wird erlaubt, teilweise undurchsichtig zu bleiben.
Ich betrachte das nicht als Ausschluss, sondern als eine Art, die Integrität verorteter Erfahrung zu respektieren. Eine vollständige Übersetzung birgt oft das Risiko, Komplexität zu glätten. Indem ich einige Elemente offen oder unübersetzt lasse, möchte ich ihre Besonderheit bewahren und das Publikum gleichzeitig dazu einladen, sich eher durch das Zuhören als durch sofortiges Verstehen darauf einzulassen. Letztlich sind die Dynamiken, die das Werk anspricht – Fragen der Erinnerung, der Zugehörigkeit und der Selbstorganisation –, nicht exklusiv für das Ruhrgebiet. Sie schwingen über viele Regionen und Kontexte hinweg mit.
Die Manifesta hält Europa mit jeder Ausgabe den Spiegel einer Krise vor. Was deutet Ihr Werk angesichts des heutigen postindustriellen Kollapses, ökologischer Sorgen, der Migrations- und Kriegspolitik sowie verschwimmender Grenzen in Bezug auf neue Lebensformen der Zukunft an? Welches Verhältnis der „Reparatur“ oder der „Konfrontation“ geht Ihre Kunst mit dem gegenwärtigen fragilen Zustand der Welt ein?
In meiner Arbeit geht es weniger darum, große Lösungen vorzuschlagen, als vielmehr darum, Bedingungen für Aufmerksamkeit und Anerkennung zu schaffen. Mich interessiert es, Momente zu erzeugen, die es Menschen ermöglichen, Fürsorge, Verständnis, Präsenz und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erfahren. Darin liegt für mich oft das politische Potenzial der Kunst: nicht im Liefern direkter Antworten, sondern im Schaffen von Räumen, in denen andere Formen der Beziehung vorstellbar werden.
Ich glaube an Transformation auf der Mikroebene. Kleine Verschiebungen in der Wahrnehmung, Momente des Gesehen- und Angesprochenwerdens können tiefgreifende Wirkungen haben. In diesem Sinne setzt sich meine Arbeit mit Reparatur nicht als Restaurierung im nostalgischen Sinne auseinander, sondern als Aktivierung von Fähigkeiten, die innerhalb von Gemeinschaften bereits existieren. In einer Zeit, in der der öffentliche Diskurs zunehmend durch Fragmentierung und Ausgrenzung geprägt ist, verstehe ich die künstlerische Praxis als einen Weg, auf Formen der Beziehungsfähigkeit zu beharren, die sich diesen Bedingungen widersetzen. Wenn es eine Zukunft gibt, auf die meine Arbeit hindeutet, dann ist es eine, die in kollektiver Präsenz und in einer leisen, aber beständigen Möglichkeit der Selbstermächtigung gründet.




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