Manifesta 16 Ruhr: Ayzit Bostan
- Selin Çiftci
- 10 dakika önce
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Die Manifesta 16 Ruhr, die in diesem Jahr unter dem Titel This is not a church stattfindet, wird am 21. Juni eröffnet und widmet sich der vielschichtigen soziokulturellen Struktur der Region sowie ihrem tief verwurzelten Migrationserbe. Der fünfte und letzte Gast in unserer Interviewreihe mit türkischen Künstler*innen, die ortsspezifische Werke für die Biennale schaffen, ist Ayzit Bostan
Interview: Selin Çiftci

Ayzit Bostan. Foto: Fabian Frinzel
Wie haben das kuratorische Konzept der Manifesta 16, „This is not a church“, und die vielschichtige Struktur des Ruhrgebiets die Auswahl oder Entstehung Ihrer Arbeit beeinflusst? Was können Sie über den Dialog mit den Creative Mediators und den Prozess sagen, den Ihr Werk vom ersten Entwurf bis zur Ausstellung durchlaufen hat?
Während seiner Recherche stieß der Creative Mediator Gürsoy Doğtaş auf mein Seidentuch mit dem Nazar-Boncuk-Design, das ich 2021 für die Jahresgaben des Münchener Kunstvereins entworfen habe. Es war eine große Ehre für mich, zur Manifesta 16 Ruhr eingeladen zu werden – nicht nur, weil die Arbeit in einem neuen Kontext präsentiert wird, sondern vor allem, weil ich die Thomaskirche besonders faszinierend finde: ein Raum, der nicht als Kirche gedacht ist, sondern vielmehr als ein Ort der Begegnung, der Stille und der unsichtbaren Geschichten. Genau in diesem Spannungsfeld möchte ich meine Arbeit zeigen – als ein Zeichen, das nicht nur schützt, sondern auch sieht.
Das Ruhrgebiet ist eines der historischen Zentren der Migrationswellen aus der Türkei. Welche Bedeutung haben die geografische Wahl der Manifesta und das Erbe der „Gastarbeiter“-Geschichte der Region für Ihre künstlerische Praxis oder für die Arbeit, die Sie für diese Ausstellung konzipiert haben?
Das Ruhrgebiet als Zentrum der Gastarbeitergeschichte ist für mich nicht nur ein Thema, sondern ein Feld persönlicher Erfahrungen. Mein Motiv, das Nazar Boncuk – ein Symbol, das ich seit meiner Kindheit kenne –, wurde für mich erst vor wenigen Jahren zu einem Schlüssel. Ich habe es nicht als bloße Erinnerung wiederentdeckt, sondern als bewusstes Zeichen im europäischen Kontext: ein Auge, das sieht, schützt und verbindet. Nazar bedeutet sehen, blicken, Einsicht – und genau das fasziniert mich: die Kraft der Einfachheit, minimales Design mit maximaler Bedeutung. Es bringt gutes Karma. Die Manifesta 16 Ruhr gibt dieser Präsenz Raum – nicht als Erinnerung, sondern als lebendige Gegenwart.

Ayzit Bostan, Silk Scarf (Nazar Eye Design), 2021. Foto: Manifesta 16 Ruhr (Ivan Erofeev)
Wie etablieren Sie das „stille Wissen“ Ihrer visuellen Sprache – eine Sprache, die funktioniert, ohne auf den „Subtext“ einer bestimmten Geografie angewiesen zu sein? Was sagt Ihnen die erste Verbindung, die ein Betrachter, der mit dem historischen Kontext nicht vertraut ist, allein über Form und Material zu Ihrem Werk aufbaut?
Für mich liegt stilles Wissen genau in dieser Unabhängigkeit: Wenn jemand ein Objekt sieht, ohne zu wissen, woher es kommt oder was es bedeutet – und dennoch etwas spürt: eine Erinnerung, eine Sinnlichkeit, eine visuelle Erfahrung –, dann hat das Werk bereits gewirkt. Diese erste, intuitive Verbindung, die allein durch Form, Material und Bewegung entsteht, sagt mir mehr, als jede Erklärung es jemals könnte. Es zeigt mir, dass etwas Universelles in der Arbeit lebt; etwas, das nicht nur im Ruhrgebiet existiert, sondern überall.
Genau das ist mein Ziel: Nicht nur zu erzählen, sondern zu berühren. Nicht nur zu dokumentieren, sondern zu verbinden. Und wenn ein Betrachter, der mit dem historischen Kontext nicht vertraut ist, ein Gefühl der Zugehörigkeit oder Neugier verspürt, dann weiß ich: Das Konzept geht auf. Es kommuniziert, ohne zu sprechen.

