Manifesta 16 Ruhr: Gülbin Ünlü
- Selin Çiftci

- 1 gün önce
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Die Manifesta 16 Ruhr, die in diesem Jahr unter dem Titel This is not a church stattfindet, wird am 21. Juni eröffnet und widmet sich der vielschichtigen soziokulturellen Struktur der Region sowie ihrem tief verwurzelten Migrationserbe. Der vierte Gast in unserer Interviewreihe mit türkischen Künstler*innen, die ortsspezifische Werke für die Biennale schaffen, ist Gülbin Ünlü
Interview: Selin Çiftci

Gülbin Ünlü. Foto: Ahmed DiCaprio
Wie haben das kuratorische Konzept der Manifesta 16, This is not a church, und die vielschichtige Struktur des Ruhrgebiets die Auswahl oder Entstehung Ihrer Arbeit beeinflusst? Was können Sie über den Dialog mit den Creative Mediators und den Prozess sagen, den Ihr Werk vom ersten Entwurf bis zur Ausstellung durchlaufen hat?
Mich interessiert die Frage, wie stark Räume bereits codiert sind – und wie wenig es braucht, um diese Codierungen zu verschieben. Eine Kirche bleibt eine Kirche, selbst wenn sie negiert wird; genau in diesem Spannungsfeld setzt die Arbeit an.
Im Dialog mit den Creative Mediators ging es dabei weniger um Illustration als vielmehr um Präzision: Wie weit kann ich gehen, ohne den Raum lediglich zu dekorieren oder zu illustrieren? Der Prozess entwickelte sich zu einer bewussten Reduktion – weg von möglichen narrativen Überlagerungen hin zu einer einzigen, sehr direkten Geste. Die Entscheidung, mit der Stadttaube zu arbeiten, resultierte daraus, dass sie beide Ebenen miteinander verknüpft: die sakrale Aufladung durch den Heiligen Geist und die urbane Realität.
Das Ruhrgebiet ist eines der historischen Zentren der Migrationswellen aus der Türkei. Welche Bedeutung haben die geografische Wahl der Manifesta und das Erbe der „Gastarbeiter“-Geschichte der Region für Ihre künstlerische Praxis oder für die Arbeit, die Sie für diese Ausstellung konzipiert haben?
Das Ruhrgebiet als Ort postmigrantischer Realität bildet eine Struktur, die sich unmittelbar in die Arbeit einschreibt. Mich interessiert dabei die Frage, welche Bilder, Körper und Existenzformen von einer Gesellschaft als zugehörig oder als störend wahrgenommen werden.
In diesem Sinne fungiert die Stadttaube als radikale Verdichtung: Sie ist ein Lebewesen, das inmitten der Gesellschaft existiert und von ihr abhängig ist, während sie gleichzeitig abgewertet wird. Diese Ambivalenz lässt sich auf andere Formen der Zugehörigkeit übertragen, ohne diese eins zu eins repräsentieren zu müssen.

Gülbin Ünlü, Friend, 2026. Foto: Manifesta 16 Ruhr (Ivan Erofeev)
Wie etablieren Sie das „stille Wissen“ Ihrer visuellen Sprache – eine Sprache, die funktioniert, ohne auf den „Subtext“ einer bestimmten Geografie angewiesen zu sein? Was sagt Ihnen die erste Verbindung, die ein Betrachter, der mit dem historischen Kontext nicht vertraut ist, allein über Form und Material zu Ihrem Werk aufbaut?
Ich arbeite oft mit direkten visuellen Gesten. Die Taube ist unmittelbar lesbar; sie benötigt keinen erklärenden Kontext. Zugleich trägt sie jedoch vielfältige Bedeutungsschichten in sich. Dieses Spannungsfeld ist zentral für meine künstlerische Praxis.
Auch ohne Vorwissen steht die Begegnung an erster Stelle: ein Blick, der erwidert wird. Erst danach beginnen sich mögliche Lesarten zu entfalten. Dieses „stille Wissen“ entsteht nicht durch rationale Erklärung, sondern durch Präsenz, Materialität und Maßstab – als eine Form von Resonanz, die unmittelbar spürbar ist, noch bevor sie konzeptionell erfasst wird.
Wie definieren Sie Lokalität nicht bloß als Thema, sondern als eine Ebene, die das Gefüge Ihrer Arbeit durchdringt? Welche Elemente lassen Sie bewusst „unübersetzt“, wenn Sie eine regionalspezifische Erzählung für das Publikum übertragen?
Lokalität verstehe ich eher als eine Form der Durchlässigkeit denn als ein feststehendes Thema. Dabei bleiben bestimmte Elemente bewusst unübersetzt – wie etwa der Bezug zur Güvercin, die im türkischen Kulturkontext stark mit Sehnsucht und Fragilität assoziiert wird.
Ich übersetze diese Bedeutungen nicht vollständig, sondern lasse sie als Resonanzraum bestehen. Das Werk funktioniert auch ohne dieses spezifische Wissen, gewinnt jedoch an Intensität, sobald man diese Aspekte in die Begegnung mit einbringt.
Links: Gülbin Ünlü, Streetlife Live, 2025
Rechts: Gülbin Ünlü, Comfort Zone, 2025, Holz und Metall, 200 × 40 × 50 cm
Die Manifesta hält Europa mit jeder Ausgabe den Spiegel einer Krise vor. Was deutet Ihr Werk angesichts des heutigen postindustriellen Kollapses, ökologischer Sorgen, der Migrations- und Kriegspolitik sowie verschwimmender Grenzen in Bezug auf neue Lebensformen der Zukunft an? Welches Verhältnis der „Reparatur“ oder der „Konfrontation“ geht Ihre Kunst mit dem gegenwärtigen fragilen Zustand der Welt ein?
In meiner Arbeit geht es darum, einen bereits existierenden Zustand freizulegen. Während in meinem Werk Streetlife Live (2025, Villa Stuck, München) Tauben physisch präsent waren – nicht als Abbild, sondern als Körper im Raum –, materialisiert sich diese Logik in Comfort Zone durch Formen der sogenannten defensiven Architektur. Die Grenze zwischen akzeptierten und abgelehnten Lebensformen ist kein natürlicher Zustand, sondern das Ergebnis von Regulierung, Architektur und Narrativen.
Die Stadttaube ist hierfür eine präzise Figur: Als domestiziertes, später verlassenes Haustier wurde sie durch menschliche Züchtung geformt, weshalb wir eine Verantwortung für sie tragen. Anstatt diese Verantwortung anzunehmen, wird sie jedoch durch Ausgrenzung und Desinformation verdrängt, während das Tier selbst zum Problem erklärt wird.
Darin liegt ein deutlicher Widerspruch: Die Taube gilt einerseits als Symbol des Heiligen Geistes und als universelles Friedenszeichen – zugleich wird sie jedoch systematisch vertrieben, oft sogar aus Kirchen selbst, anstatt Orte der Fürsorge wie betreute Taubenschläge zu schaffen. Dieser Bruch zwischen Symbolik und gelebter Praxis ist zentral; er offenbart, wie weit unsere Werte von unserem Handeln entfernt sind.
Mich interessiert diese Gleichzeitigkeit von Nähe und Ausschluss. Die Taube lebt im wahrsten Sinne des Wortes mit uns, aber ohne Schutz, ohne Rechte und ohne Anerkennung. In dieser Konstellation wird sie zu einem Modell für zeitgenössische gesellschaftliche Bedingungen: ein Leben, das zugleich integriert und deplatziert ist.
In diesem Sinne ist die Arbeit auch ein Aufruf – an Städte wie an Individuen –, sich zu informieren, in Kontakt zu treten und ganz praktisch Verantwortung zu übernehmen. Die Konfrontation bleibt nicht abstrakt; sie lässt sich unmittelbar in Handeln übersetzen.








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